Rundgang durch 625 Jahre Geschichte
Volker Hess beleuchtet Historie des Stadtturms und die Entwicklung Staufenbergs.
Staufenberg - Es gibt Jubiläen, die spielen sich im Verborgenen ab. Der Stadtturm an der Ecke Vorstadt/Obergasse, einst Torturm der um 1400 errichteten Stadtmauer, wird 625 Jahre alt. Somit das älteste noch erhaltene Bauwerk im Stadtteil Staufenberg. Diese Randnotiz aus der Stadtgeschichte wäre sang- und klanglos im Alltagstrott untergegangen, hätte Lokalhistoriker Volker Hess (Daubringen) nicht ein Auge darauf geworfen. Anlass genug für einen über dreistündigen Rundgang mit detailverliebtem Blick auf die historische Altstadt. Die Veranstaltung war eine Kooperation des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen und der Heimatvereinigung Staufenberg.
Mehr als 20 Personen lernten eine Menge hinzu. Wobei manche Auskunft eher eine Mutmaßung oder Schlussfolgerung darstellte, als eine abgesicherte Tatsache. Insofern ist Hess beständig und mit Engelsgeduld auf der Suche nach Wissenslücken. Allein die Reste der Stadtmauer genau zu bestimmen, ist echte Detektivarbeit. Selbst der mächtige Turm führt einen in die Irre. Als reiner Torturm mit Fallgitter musste das zunächst kein himmelstrebendes Bauwerk sein.
Wie ein solider Bergfried ragt der Stadtturm heute markant aus dem Häusermeer hervor. Seine endgültige Größe erreichte er nachträglich mittels Aufstockung. Seitdem gibt es in der oberen Etage vier Glocken und ein Uhrwerk. Innen ist kein Funktionsraum vorhanden. Lediglich eine halsbrecherische Treppe führt nach oben. Die vorhandene Durchfahrt hat ihren Zweck verloren. Man geht nur noch fußläufig hindurch. Verkehr führt über die Vorstadt seitlich am Turm vorbei.
Brände waren ein großes Problem
Der Rundweg nahm seinen Verlauf am Peter-Kurzeck-Platz vor der Roten Schule in der Vorstadt. Die Staufenberger Altstadt ist wohl kein touristischer Höhepunkt mit einem unversehrten Gebäudeensemble wie anderswo. Hess drückt das so aus: „Die Neuzeit überformt die historische Altstadt“. Wie ein roter Faden zog sich ein damals akutes Problem durch den Verlauf der Führung. Mit Stroh gedeckte Häuser und oftmals Holzstapel vor den Hausern leisteten Bränden Vorschub.
Hinzu kamen die schwierige Wasserversorgung durch Brunnen mit Schwengelpumpen sowie Zisternen, jene etwa am Stadtturm und an der Ecke Obergasse/Bergstrafe. Bedeutsam waren drei Tiefbrunnen talwärts am nordwestlichen Stadtrand im Flächendreieck zwischen Bundesstraße B 3 und Landesstrae L 3356. Erst 1875 wurden hier dampfbetriebene Pumpen installiert, die bis 1906 Dienst taten. Inschriften an Fachwerkbalken oder in Sandstein verweisen auf die Brände.
Im Untergrund der Altstadt findet der Geologe Basalt und Buntsandstein. Am Ende der Hintergasse und am Fuß des westlichen Burghügels gab es vom 18. Jahrhundert bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts einen Steinbruchbetrieb. Der hier anstehende Säulenbasalt, Überbleibsel von Vulkanismus, ist fast vollständig von Grünpflanzen überwuchert. „Schade“, findet Hess, denn diese Gesteinsformation sei wirklich sehenswert und für Forschung interessant.
Apropos Untergrund: Wie in Allendorf/Lumda, gibt es in der historischen Altstadt Staufenbergs Gewölbekeller (knapp 30), meist Tonnengewölbe. Jene zu erforschen, würde weitere Rückschlüsse auf die Historie zulassen.
Volker Hess bietet am 5. Juli diesen Rundgang noch einmal an. Außerdem steht der Stadtturm auch am Tag des offenen Denkmals in Deutschland (13. September) im Mittelpunkt der Aktivitäten des Burgfestes der Heimatvereinigung.
Wir danken für die Möglichkeit der Zweitveröffentlichung
des Originaltextes von Volker Heller:
Gießener
Anzeiger, 16.04.2026 bzw. Gießener Allgemeine,
16.04.2026
(vh/22.04.2026)